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Kinderarbeit ächten?

Kinderarbeit verbieten oder ein Recht auf Arbeit?

Kinderarbeit ist wieder ein häufig diskutiertes Thema. Weltweit sind ca. 200 Millionen Kinder zur Arbeit gezwungen und die meisten von ihnen sind illegal tätig (Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Die Arbeitsbedingungen sind oftmals miserabel und schaden der Gesundheit. Und obwohl Kinderarbeit in Deutschland gern als eine Erscheinung des letzten Jahrhunderts betrachtet wird, gibt es sie auch hier.

Es geht um die Ursachen von Kinderarbeit und die verschiedenen Sichtweisen auf den Umgang mit diesem Problem. Da sind einmal die Gewerkschaften und Kinderschützer, die das Arbeiten verbieten wollen. Das Internationale Tribunal gegen Kinderarbeit verurteilt alle, die Kinderarbeit unterstützen. Aber es gibt auch die Kinderbewegung in Lateinamerika, die für bessere Arbeitsbedingungen und v.a. für die Anerkennung ihrer Arbeit kämpfen. Das Anliegen von allen genannten Initiativen ist der Schutz vor Ausbeutung und eine Verbesserung der schlechten rechtlichen und sozialen Situation der Kinder.

In Nicaragua sind die meisten Kinder im informellen Sektor (ohne vertragliche Absicherung), auf dem Land und im Haushalt tätig. Der Anteil der Kinder die im formellen Sektor angestellt sind, ist demgegenüber vergleichsweise gering. Einige Mädchen sind zur Prostitution gezwungen und manche Kinder finanzieren ihr Überleben durch Diebstähle.

Die Ursache von Kinderarbeit ist die Armut. Die Kinder Nicaraguas gehen arbeiten, um sich und ihre Familien zu ernähren, wenn die Eltern dazu nicht mehr in der Lage sind. Ein weiterer Grund zum Geldverdienen ist für die Kinder die Beschaffung des Schulgeldes. Dadurch, daß Kinder arbeiten gehen, vergrößert sich das Überangebot von Arbeitskräften und die "Löhne" sinken weiter. Auch wenn im informellen Sektor von "Löhnen"im eigentlichen Sinn nicht gesprochen werden kann, da die Kinder Nicaraguas mehr oder weniger freiberuflich tätig sind, sinkt durch wachsende Konkurrenz auch ihr Einkommen. Hinzu kommt, daß die Kinder, wenn sie arbeiten, nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen zur Schule gehen können. Die fehlende Schulbildung raubt ihnen fast jede Chance der drohenden Arbeitslosigkeit zu entkommen. Dieser als Armutsspirale bezeichnete Prozeß bedeutet eine weitere Verarmung. Also muß man, wenn man über die Abschaffung von Kinderarbeit diskutiert, auch über die Beseitigung von Armut diskutieren!

"Wir arbeiten auf der Straße, in den Häusern und auf dem Land, weil unsere Eltern keine Arbeit haben und manchmal nicht arbeiten wollen, weil wir unsere Arbeit als ein Recht begreifen und weil wir jemand sein wollen in der Welt und weil es uns gefällt"(Abschlußerklärung des 3. nationalen Treffens der Kinderbewegung in Nicaragua) , formuliert die Kinderbewegung Nicaraguas ihre Situation. Ihre daraus folgenden Anliegen sind, "daß es weniger Elend in unserem Land gibt, daß unsere Eltern Arbeit haben, und daß unsere Ernährung garantiert ist."

Es ist klar, daß die Kinder, die anstatt der Erwachsenen den Lebensunterhalt verdienen, das tun müssen, was sich bietet. So sind sie oft gezwungen für lächerliche Bezahlung unter denkbar schlechten Bedingungen ihrer Tätigkeit nachzukommen, die nicht selten zu körperlichen und seelischen Folgeschäden führen.

Wenn nun Leute ein Kinderarbeitsverbot fordern, dann geschieht es, weil sie die Armutsspirale unterbrechen und die Ausbeutung von Kindern verhindern wollen. Nur durch ein Verbot sei eine Kontrolle der Betriebe gewährleistet und zu garantieren, daß die Erwachsenen wieder Arbeit bekommen. Außerdem sei nur so der uneingeschränkte Schulbesuch realisierbar. Begriffen wird das Verbot dieser Arbeit als eine soziale Errungenschaft, die zum Schutz vor Ausbeutung eingeführt wurde. Im Rahmen der weltweiten Deregulierungspolitik, welche von Senkung der Kosten der Arbeit spricht, soll dieser soziale Standard - wie so viele andere - ausgehöhlt werden. Die nicaraguanische Regierung, die von den internationalen Geldern abhängig ist, setzt diese Politik vor allem durch Lohnkürzungen sowie zu Lasten der Ausgaben für Bildung und Gesundheit durch. (Und auch die Bundesregierung und Unternehmerverbände verfolgen im Rahmen der vom Internationalen Währungsfond und von der EU diktierten Politik eine ähnliche Strategie. So sind nicht nur die Länder der "Dritten Welt" sondern auch Deutschland, wo in letzter Zeit die Zunahme von Kinderarbeit durch Studien der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg und Hessen beobachtet wurde, betroffen.)

In diesem Zusammenhang ist interessant, daß Arbeitsminister Norbert Blüm, der sich mehrmals öffentlich für eine weltweite Ächtung der Kinderarbeit aussprach, einen Gesetzesentwurf einreichte, durch den Beschäftigung von Kindern zwischen 13 und 15 Jahren (über bereits bestehende Ausnahmeregelung hinaus) weiter legalisiert werden soll. Blüm beruft sich dabei auf die EU-Richtlinie 94/33/EG, wonach Kinderarbeit ab 13 Jahren erlaubt ist. Das allerdings widerspricht dem von Deutschland 1973 unterzeichnetem Übereinkommen 138 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), in dem es heißt: "Das Mindestalter (für die Zulassung zur Beschäftigung oder Arbeit) darf nicht unter dem Alter, in dem die Schulpflicht endet, und auf keinen Fall unter 15 Jahren liegen."

"Trotzdem sollten Boykott- und Verbotsaufrufe nicht unterschiedslos erfolgen" gibt Dr. Petra Boxler, die Vorsitzende von terre des hommes Deutschland zu bedenken. (in Berliner Zeitung 20.9.1996) "Nicht selten bekämpfen solche Maßnahmen eher die arbeitenden Kinder als die Kinderarbeit." Oft seien die Kinder dann gezwungen auf andere Einkommensquellen mit noch mehr Ausbeutung auszuweichen. Hinzu kommt, daß sie ihre Arbeit dann illegal, d. h. mit noch weniger Schutz, verrichten müssen.

Immer wieder fordern die Kinder Nicaraguas ihre Rechte ein. Zum Teil sind es grundlegende Menschenrechte, die ihnen nicht zugestanden werden. So fehlt es an kostenloser Gesundheitsversorgung und Bildung, einer Sicherung der Grundbedürfnisse u.v.m. . Besonders stark vermissen sie die Würdigung bzw. Anerkennung ihrer Arbeit und einen Schutz vor Gewalt, der sie bei der Arbeit von Seiten der Polizei und der Bevölkerung ausgeliefert sind. Aber auch andere Regeln, die in einem Sozialstaat wie Deutschland selbstverständlich sind, sind ihnen wichtig. Sie wünschen sich Raum für Erholung, ein Weinachtsgeld und verlangen von der Regierung, daß Schulen und Krankenhäuser gebaut werden. "In Arbeitsverhältnissen ohne Ausbeutungscharakter müssen die Arbeitszeiten besser geregelt und der Arbeitsschutz verbessert werden, so daß parallel zur Arbeit eine Schule besucht werden kann. Es müssen Schul- und Bildungsmaßnahmen angeboten werden, die die Arbeit von Kindern unterstützend begleiten", schreibt Petra Boxler.

In diesem Punkt wird Petra Boxler vom Deutschen Komitee gegen Kinderarbeit scharf kritisiert (in: Bulletin Nr. 4, Oktober 1996) Sie werfen ihr vor, daß sie "Kinderarbeit in akzeptable (nichtausbeuterische) und nichtakzeptable (ausbeuterische) Kinderarbeit" aufteile, was eine zynische Argumentation sei, da Kinderarbeit immer eine Form der Ausbeutung darstelle: "Wer das Verbot der Kinderarbeit aufweicht, in Frage stellt oder abschaffen will, der legalisiert Kinderarbeit, der akzeptiert Kinderarbeit."

Wir können festhalten, daß die Kinder Nicaraguas darum kämpfen, daß ihre Arbeit unter den besten möglichen Bedingungen geschieht. Darin benötigen sie dringend Unterstützung, denn die Regierungen und Unternehmer ihrer Länder werden kaum freiwillig ihre sozialen Forderungen erfüllen. Desweiteren ist klar, daß die Kinder von der existentiellen Notwendigkeit der Arbeit befreit werden müssen. Dahingehende Maßnahmen müssen sich gegen die Unternehmer richten, die Ausbeutung betreiben, gegen die Regierungen, die sie zulassen und gegen den IWF mit seinen Strukturanpassungsprogramen, die das soziale Elend verstärken.

Zu welchem Schluß man bei diesem Thema auch gelangt, daß nur in Betrachtung der globalen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen zu erfassen ist. Es ist auf jeden Fall notwendig genau und kritisch nachzudenken und voreilige Schlüsse zu vermeiden. Es ist ein Thema, daß alle betrifft, denn es geht um die Kinder aus der ganzen Welt und vor allem um eine gerechtere Welt.

Joe Sello