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Vier Männer in Somoto

Die Kleinstadt Somoto liegt in der Pazifikhälfte Nicaraguas im nördlichen Teil des Landes, und hat ungefähr 20 000 Einwohner, die größtenteils in ärmlichen Hütten aus Blech oder Holz leben. Nur im Stadtkern, wo sich ein kleiner Markt und ein großer Platz vor der Kirche befinden, gibt es gepflasterte Straßen. Die restlichen Straßen Somotos sind lediglich breite Sandwege, die alle rasterförmig angeordnet sind. Auf den Straßen laufen überall Schweine und Federvieh herum und ich fühlte mich ein wenig in das Dorfleben des vergangenen Jahrhunderts (in Europa) versetzt.

Schon die Anreise in unseren Gastort gestaltete sich schwierig, da wir zuerst durch einen Busstreik und dann durch meinen zweitägigen Krankenhausaufenthalt gehindert waren, Managua zu verlassen. Durch solche und andere Wirrnisse stellten wir bald fest: "Was man auch plant, es kommt sowieso anders." Und so gestaltete sich auch oftmals unser Aufenthalt in Somoto. Denn neben unserer eigenen Schlampigkeit ist die Termingenauigkeit von unseren nicaraguanischen Begleitern nicht gerade groß gewesen. Zudem bekamen wir häufig falsche oder sich widersprechende Informationen. So rannten wir einmal erfolglos einen ganzen Vormittag durch die Stadt auf der Suche nach einem angeblich stattfindenden Hahnenkampf.

Insgesamt verbrachten wir 15 Tage in der Kleinstadt, die durch einen Ausflug zu dem „IV. Regionalen Treffen der arbeitenden Kinder" unterbrochen wurden. Wir - drei Jugendliche und ein Erwachsener - waren einzeln in Familien untergebracht, wo wir versorgt wurden. Das mulmige Gefühl, das wir bei unserer Ankunft in den Familien empfanden, hatte sich schnell gelegt und wir hatten ein gutes Verhältnis zu unseren Gastgebern. Obwohl uns gerade am Anfang die Verständigung auf Spanisch schwer fiel. Meine Gastfamilie lebte zu zehnt in einem ungefähr 80 Quadratmeter großem Steinhaus. Das ist weniger Platz als in meiner Wohnung für drei Leute. In den drei anderen Familien sah es ähnlich aus. In meiner Familie verbrachten die meisten Angehörigen den Tag zu Hause, da sogar die Töchter, die eine Ausbildung hatten, arbeitslos waren. Einzige Einnahmequelle war das selbstgemachte Gebäck, das von den Kindern oder in kleinen Läden verkauft wurde.

Die erste Zeit verbrachten wir hauptsächlich damit, durch die Stadt zu streifen und die Menschen kennen zu lernen. Wir hatten zum Beispiel ein spannendes Gespräch mit einigen „Jung-Sandinisten", erlebten die farbenprächtigen Umzüge der FSLN (Nationale sandinistische Befreiungsfront) am Tag der Revolution, besuchten einen Stierkampf und lernten einen Juristen kennen, vor dessen kleinen Laden wir uns häufig aufhielten und ein leckeres Getränk aus geraspeltem Wassereis und süßer, angedickter Milch, angereichert mit einem Schuß Rum, tranken. Dort erfuhren wir eine Menge über die Kleinstadt und die politischen Verwicklungen vor den Wahlen. Von ihm wurden wir auch auf einen Ausflug in die Gemeinde "Las Sabanas" eingeladen, wo wir u.a. die Kaffeeherstellung erklärt bekamen.

Besonderer Höhepunkt war eine ganztägige Wanderung in eine außerhalb Somotos liegende Gemeinde, wo die Verhältnisse teilweise noch ärmlicher sind. Ein deutsches Essen, das wir unseren Gastgebern zubereiteten, fand sehr großen Anklang. Und während der Stunden des Kochens und Essens fühlte ich mich durch den Spaß, den wir dabei hatten, besonders verbunden mit dem Leben dieser Menschen. Die Abende verbrachten wir meistens in Kneipen oder auf Feten, die wir hauptsächlich zuliebe unserer Begleitpersonen besuchten, die sich das sonst nicht hätten leisten können.

Wir hatten uns schon vor unserer Anreise mit dem Projekt INPRHU (Nicaraguanische Einrichtung zur menschlichen Förderung) in Somoto verständigt, um eine gemeinsame Aktion mit den NATRAS durchzuführen. Unser ursprüngliches Vorhaben, uns mit der Schule in Nicaragua zu beschäftigen, ließen wir fallen, da Bedenken hinsichtlich der politischen Brisanz dieses Themas geäußert wurden (siehe Schulartikel). Nach einigen Überlegungen, was wir tun könnten, entschieden wir uns, zusammen mit arbeitenden Kindern vom Markt eine Aktion zu starten. Dort befindet sich eine Anlaufstelle für NATRAS. Dieses "Markthäuschen" bietet den Kindern, die dort tätig sind, Raum sich zurückzuziehen. Sie haben dort auch die Möglichkeit, neben der Arbeit etwas für die Schule zu tun.

Unsere Idee war, aus den bunten Schnüren und Stricken, die es überall zu kaufen gab, eine Art Spinnennetz zwischen zwei Bäume zu knüpfen. Um unsere Vorhaben zu erklären und gemeinsam die Aktion vorzubereiten, trafen wir uns fast jeden Tag mit den Kindern vom "Markthäuschen". Am Tag vor der Aktion fertigten wir aus mitgebrachtem Klebepapier Spuckies an, die mit Sprüchen versehen unser Vorhaben ankündigten. Die lustigen, mit kinderrechtlichen Forderungen beschriebenen Zettelchen wurden mit Begeisterung von einigen Kindern verteilt. Das Netz spannten wir am letzten Tag unseres Aufenthaltes zusammen mit ungefähr 15 Kindern und verzierten es mit beschrifteten Kärtchen, auf denen die Situation von Kindern kommentiert waren. Das schöne Bild, das die Angelegenheit ergab, verhinderte jedoch nicht unser teilweise unbefriedigtes Gefühl. Es war uns nicht gelungen, die erhoffte Gemeinsamkeit mit den arbeitenden Kindern zu erreichen und unsere Aktion auch zu der ihrigen werden zu lassen. Das lag u.a. auch daran, daß unsere Begleiter uns nur wenig unterstützten und wir bei den Erläuterungen auf uns selbst gestellt blieben.

Während unseres Nicaraguaaufenthaltes haben wir uns viele Gedanken zur weltweiten Ungerechtigkeit gemacht. Dabei hat uns besonders die Frage beschäftigt, wie wir mit unserem Geld umgehen, ob wir bei Betteleien Geld geben, ob wir anstatt jeden Abend Geld für Bier auszugeben, lieber andere (wichtigere?) Sachen bezahlen sollten. Und wenn ja, wer bekommt das Geld und wer entscheidet, wofür es ausgegeben wird? Wir haben bis jetzt keine befriedigende Antwort gefunden. Und auch die teilweise sehr anstrengenden Gespräche mit unseren Begleitern haben uns in dieser Hinsicht nicht weiter geholfen. Uns ist nur klar geworden, egal wie wir uns auch in der konkreten Situation entscheiden, ungerecht ist es auf jeden Fall.

In der ganzen Zeit unseres Aufenthalts waren wir fast immer mit irgendwelchen Aktionen beschäftigt und hatten nie Langeweile. Dazu kam das enge Zusammenleben, so daß wir fast nie für uns alleine waren. Allerdings gehörten für mich die wenigen Momente, wo wir in Muße herumsaßen und Zeit zum Reden oder Reflektieren hatten, zu den schönsten.

Im Nachhinein betrachtet, war die Zeit in Somoto unheimlich schön und durch sehr viel Intensität geprägt. Einerseits dadurch, daß wir eine kleine Gruppe waren, die sich gut verstanden hat. Auf der anderen Seite, weil wir mit vielen netten Menschen zusammenkamen und mit ihnen viele schöne Erlebnisse hatten. Durch die aufgetretenen Konflikte wurde aber auch klar, daß sich zwei sehr unterschiedliche Welten begegnet sind. Und es waren gerade diese problematischen Dinge, die uns dazu brachten, alte Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und neue Erfahrungen zu machen. Und auch wenn wir mit den arbeitenden Kindern nicht so viel wie mit anderen Leuten zu tun hatten, lernten wir doch einen Teil ihres Lebens kennen.