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"Wie war's denn so?"

Unsere vierwöchige Nicaraguareise war für uns alle ein herausragendes Erlebnis. Vom reichen, modernen Deutschland kamen wir in das ärmliche, kleine Nicaragua. Vom Wasserklosett zum Plumpsklo. Hier war nun alles anders. Wir wohnten allesamt in sehr einfachen Lebensverhältnissen.Aber auch wenn die Menschen nur die nötigsten Sachen besaßen, schienen sie glücklich mit ihrem Besitztum. Sie haben vielleicht gelernt, das Beste aus den gegebenen Bedingungen zu machen. Trübsal blasen oder ein wenig melancholisch sein, ist ein Gemütszustand, den ich bei den Nicaraguanern recht selten beobachten konnte. Ich wurde oft angesprochen, warum ich denn so traurig sei.

Wir haben gelernt, daß Luxusgüter nicht zum Glück eines Menschen beitragen müssen. Das Einzige, was ich als verwöhntes Europakind wirklich vermißte, waren frische Brötchen mit Schokoladencreme zum Frühstück.

Da wir die ganze Zeit bei einheimischen Familien wohnten und auch viel Kontakt mit der nicaraguanischen Jugend hatten, verbesserten sich unsere Spanischkenntnisse bedeutend. Einige haben ihre Freude an der schönen Sprache entdeckt und besuchen weiterhin Kurse etc., um das Gelernte auszuprägen. Aber die Kommunikation mit der einfachen Bevölkerung hatte nicht nur diesen Vorteil für uns. Ich habe unheimlich viel über die vielgepriesene, und für lateinamerikanische Länder anscheinend typische, "mañana"- Mentalität mitbekommen. Gut erklären läßt sich das am folgenden Beispiel: Die NATRAS sind zusammen mit einigen Deutschen in einem großen Ami-Schulbus an den Pazifik gefahren. Auf dem Heimweg fuhr der Busfahrer in einen tiefen Graben, aus dem nicht mehr herauszukommen war. Innen war es furchtbar heiß und eng. Die Reaktion auf das Unglück war aber nicht etwa Rumbrüllen und Streß machen, wie ich es in Deutschland von den Autofahrern gewöhnt bin, sondern nur spöttischer Applaus. Ein paar Leute stiegen aus, schoben den Bus aus dem Graben und die Fahrt wurde singend fortgesetzt. Über diesen Zwischenfall wurde nie wieder ein Wort gesprochen. Es war einfach zu unbedeutend, darüber zu reden.

Viele Menschen sind viel herzlicher und offener als die Deutschen. Gibt es eine Prügelei, wird nicht weggeguckt. Augen und Ohren sind immer offen, um etwas zu erleben. Uns Deutschen wurde stets ein sehr großes Interesse entgegengebracht. Schließlich hatten wir hellere Haut und waren viel größer als die meisten Nicaraguaner. Die meisten Leute nahmen sich die Zeit, unsere Spanischbrocken zu verstehen und gaben sich Mühe, uns viel mitzuteilen. Die "großen Jungs" aus unserer Gruppe wurden regelrecht angehimmelt und haben mehrere Heiratsanträge bekommen. Manchmal wurden wir aber auch ausgenutzt. In vielen Fällen fand ich es lustig, wenn ich einem Colaverkäufer versehentlich zuviel gezahlt habe und sah, wie er sich über seinen unverhofften Gewinn freute. Doch unter Ausnutzen verstehe ich ja auch etwas anderes. In Managua lernten wir gleich zu Anfang einen Jungen kennen, der uns in einem Brief um Spenden für ein Steinhaus bat. Wir haben lange überlegt, was wir tun wollen. Schließlich lebten Tausende Familien in alten Lehmhütten und konnten Unterstützung gut brauchen. Letztlich einigten sich die Leute des Managua-Projekts darauf, ihm 40 Dollar zu geben. Als ihm das Geld bereits zugesagt war, kam er trotzdem noch ein paarmal zu mir und forderte neues für die verschiedensten Sachen. Er täuschte mir Bauchweh vor und wollte sich eine Pille kaufen oder er hatte Hunger und kein Geld. Ich kam mir in der Situation, offensichtlich ausgenutzt zu werden, sehr blöd vor und beim Abschied konnten viele von uns den ständigen Bittsteller nicht mehr leiden.

Nur sehr selten wurden wir mit Rassismus konfrontiert. An einen derartigen Vorfall kann ich mich noch gut erinnern: Eine Freundin und ich gingen allein durch den wahrscheinlich ärmsten Barrio Managuas. Die Menschen wohnten in einem stark zerstörten, dreistöckigen Haus. Die Stimmung war dort sehr aggressiv und wir wurden u.a. als "Gringos" bezeichnet. Ansonsten war die Atmosphäre zwischen Deutschen und Nicaraguanern meist gelöst und fröhlich. Dadurch gab es viele Gelegenheiten, sich über Kinderarbeit zu informieren. Schließlich galt diesem Thema auch unser Hauptinteresse. Überall wurden uns Cola, Kekse, Kaugummi etc. von Jüngeren oder Gleichaltrigen angeboten. Die Verkäufer waren oft zu Gesprächen bereit, sodaß wir viel über die Hinter- und Beweggründe ihrer Arbeit erfuhren.

Neben all den zwischenmenschlichen Erfahrungen zum anderen Volk haben wir natürlich auch zwischen uns Probleme festgestellt. Um mit Konflikten besser umgehen zu können, haben wir uns am Anfang der Reise in Managua zusammengesetzt, um ein wesentliches Gespräch zu führen. Wir haben versucht, zu klären, wie wir in den folgenden Wochen unser Zusammenleben gestalten wollen. Fazit dieser Unterhaltung war, daß jeder sagen soll, wann er sich verletzt oder gekränkt fühlt, um Mißverständnisse auszuschließen. Es sei wichtig, die Bedürfnisse eines jeden ernst zu nehmen und niemanden zu diskriminieren. Mit diesen Vorsätzen sind wir eigentlich gut ausgekommen, auch, wenn nicht immer alles genauso gemacht wurde, wie abgesprochen. So zum Beispiel beim Taller in Esteli: Im Schlafraum gab es einen klassischen Streit zwischen Raucher und Nichtraucher. Der Raucher schickte sich an, eine Zigarette anzuzünden, worauf der Nichtraucher natürlich stark protestierte. Der Protest wurde nicht als solcher ernstgenommen und schon war der schönste Streit im Gange. Ich würde sagen, das Problem Wie leben Raucher und Nichtraucher gleichberechtigt zusammen ist eines unserer größten.

Ich für meinen Teil, habe die Reise trotz aller Unannehmlichkeiten, wie zum Beispiel dieser unerträglichen Hitze oder den blöden Anmachen der Männer, sehr genossen.

Sue Hermenau