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Kinderarbeit: Mehr Verbote und weniger Rechte zum Schutz von Kindern?

Erstmals werden nun auch in Deutschland Stimmen laut, die im Zusammenhang mit weltweiten Kampagnen zur "Ächtung von Kinderarbeit" (Norbert Blüm) eine Verschärfung der deutschen Jugendarbeitsschutzbestimmungen fordern. Mit der Begründung, Kinderarbeit sei ein Verbrechen, fordert ein deutsches Komitee das Verbot von Kinderarbeit bis zum vollendeten 16. Lebensjahr in Deutschland.

In Deutschland, wie in vielen anderen Ländern, wird versucht, durch ein allgemeines Verbot von Arbeit Kinder vor Gefahren und Ausbeutung zu beschützen. Kinderarbeit in Deutschland gibt es nicht mehr, wurde allgemein behauptet. In den Untersuchungen darüber, die in den letzten fünf Jahren z. B. in Nordrhein-Westfalen oder in Hessen gemacht wurden, stellte sich heraus, daß Kinder hier gewöhnlich zwischen 12 und 14 Jahren anfangen zu arbeiten. In Hessen arbeiten bereits 34%, bevor sie das 6. Schuljahr abgeschlossen haben, d.h. als sie noch nicht 11 Jahre alt waren. Sobald sie 14 Jahre alt sind, haben bereits drei von vier Kindern in Hessen Arbeitserfahrungen außer Haus gesammelt. Wenn sie die Schule beenden, haben bereits 80% der Jugendlichen gearbeitet. Diese Kinder verhalten sich illegal, da nach dem deutschen Jugendarbeitsschutzgesetz das Arbeiten von schulpflichtigen Kindern verboten ist.

Bei den Kindern seien allerdings die negativen Meinungen zu Kinderarbeit viel seltener als die positiven, wertet der Berliner Soziologe Manfred Liebel die Ergebnisse der Studien aus. "Sie sehen ihre Arbeit als Gelegenheit, ein selbständigeres und interessanteres Leben zu haben". Das in allen Umfragen dominierende Motiv sei es, Geld verdienen zu wollen. Auch wenn der Verdienst der Arbeit keine Grundbedürfnisse decke und er nicht unverzichtbar sei, um zu überleben (wie es in den armen Ländern der Fall ist), so zeige das Motiv nicht einfach, daß die geldverdienenden Kinder in Deutschland dem "Konsumismus" verfallen. Mittels ihres eigenen Einkommens versuchen die Jugendlichen, sich unabhängig zu machen von den Eltern, deren Verhaltensnormen und Konsumstandards, und sie wollen Zugang bekommen zu dem, was traditionell Privileg der Erwachsenen ist. Nur sehr wenige Kinder teilten die offizielle Haltung, daß Kinderarbeit einzig und allein Ausbeutung billiger Arbeitskräfte sei oder schädlich für die Entwicklung des Kindes.

Außerdem stellt sich die zentrale Frage: Ist ein Arbeitsverbot sinnvoll, um Ausbeutung zu verhindern? Selbst in Lateinamerika wehren sich arbeitende Kinder gegen Arbeitsverbote. Wer nur die möglichen Gefahren und negativen Folgen der Kinderarbeit für Bildung und Gesundheit wahrnimmt, wägt nicht den Preis ab, den die Kinder zahlen müßten, wenn sie nicht arbeiten würden, betont Manfred Liebel. Anliegen von Kinderorganisationen ist es, unter Bedingungen arbeiten zu können, die es erlauben, in Freiheit und Würde zu handeln und sich zu entwickeln. Sie setzen sich für ein Recht auf Arbeit ohne Altersbeschränkung ein. Sie verlangen gleichen Schutz vor Ausbeutung und eine Bezahlung, die dem Wert ihrer Arbeit entspricht. Viele wollen eine Kindheit und Jugend, die grundverschieden ist von dem Infantilismus ("Verkindlichung"), der ihnen bis heute durch eine von Erwachsenen dominierte Gesellschaft zugemutet wird.

Bei Kinderarbeit denken wir an Mißbrauch, Ausbeutung, Elend und zerstörte Kindheit. Vorteile wie Selbstbestimmung, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Anerkennung, eigenes Eigentum und damit Unabhängigkeit kommen uns daher gar nicht erst in den Sinn. Wichtig ist zu unterscheiden, daß nicht Kinderarbeit sondern Armut dazu führt, daß für Kinder (wie auch für Erwachsene!) Arbeit zu einem Zwang wird. Es ist die Armut, die Gewalt hervorruft, die es Kindern unmöglich macht, frei zu entscheiden, womit sie sich beschäftigen wollen. Bei Arbeit denken wir meist nur an eine bezahlte Arbeit (Lohnarbeit) mit Arbeitsvertrag, Sozialversicherung und Kündigungsfrist. Was aber alles an unbezahlter Arbeit ohnehin schon von Kindern geleistet wird, wird daher gar nicht als Arbeit verstanden und anerkannt.

Womit läßt es sich begründen, Kindern den Zugang zum Geld zu verbieten? In einer Gesellschaft, in der sich der Zugang zu Lebenschancen besonders über die Verfügbarkeit von Geld reguliert, bedeutet das Verbot Geld zu verdienen, auch die Ausgrenzung von einer Möglichkeit gesellschaftlicher Beteiligung und Einflußnahme. Stattdessen wäre es wesentlich sinnvoller, über Möglichkeiten nachzudenken, daß Kinder bezahlt werden können, wenn sie für andere etwas tun. Wer wirtschaftlich aktiv und produktiv sein kann, hat es in unserer Welt leichter, Respekt zu erlangen und eine ohnmächtige, ausgegrenzte Lage zu überwinden. Erst durch ein Recht zu arbeiten ohne Altersbeschränkung wird es meines Erachtens Kindern, die bereits arbeiten oder arbeiten wollen, ermöglicht, anerkannt und gewürdigt zu werden mit dem, was sie tun.

Christoph Klein